Fotogramme Bertha Günthers in der Ausstellung des Harvard Art Museums (USA) von März bis Juli 2022

Das Harvard Art Museum zeigt in der Ausstellung „White Shadows: Anneliese Hager and the Cameras-less Photograph“ nicht nur Werke der deutschen Fotokünstlerin und Lyrikerin Anneliese Hager (1904-1997), sondern geht auch der Rolle von Frauen in der Geschichte des Fotogramms nach. Die Loheländerin Bertha Günther, die vermutlich den Bauhausmeister László Moholy-Nagy zur Arbeit mit dieser fotografischen Technik inspiriert hat,[1] gehört mit ihren Arbeiten natürlich dazu. Hager wiederum wurde von den Fotogrammen Moholy-Nagys und Man Rays zur Herstellung von Fotogrammen angeregt.

Bertha Günthers Fotogramme sind Versuche einer kameralosen Fotografie mit Pflanzen und Tageslicht-Auskopierpapier. Moholy-Nagys beschreibt die Arbeitsweise von Bertha Günther für uns anschaulich: „Die Loheländerin hat ein im allgemeinen nicht beachtetes Verfahren, Gegenstände auf das fotografische Papier zu legen und damit Schattenbilder zu erzeugen, wieder belebt, indem sie statt undurchsichtiger Objekte (lichtdurchlässige) Blumen auf die fotografische Schicht legte. Diese Blumen bzw. dieses Verfahren ergab meist ungewöhnlich fein gegliederte, in ihrer optischen Wirkung bezaubernde, schwarz-weiße oder helldunkle Bilder.“[2]

Mit dieser kameralosen Technik der Fotografie wurde schon seit den Anfängen der Fotografie im 19. Jahrhundert experimentiert. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts arbeiten mehrere Künstler mit dieser Technik. Bertha Günthers experimentierenden Arbeiten auf Tageslicht-Auskopierpapier mit transparenten Darstellungen von Gräsern, Blüten- und Pflanzenblättern sind Anfang der zwanziger Jahre während ihrer Assistententätigkeit vermutlich innerhalb des musisch-künstlerischen Unterrichts in Loheland, Schule für Körperbildung, Landbau und Handwerk entstanden. Die am 8.06.1894 in Bremerhaven geborene Günther gehörte zu den ersten Schülerinnen und war im Oktober 1913 in das Kasseler Seminar für Klassische Gymnastik eingetreten. Sie wirkte in Loheland bis 1926, arbeitete später als Eurythmistin in Bayrisch Gmein und verstarb am 24.12.1975 in Siegen. Viele Jahre waren die Fotogramme Günthers in Vergessenheit geraten. In Fulda waren sie 2004 und 2019 im Vonderau Museum zu sehen. Ihrer überregionalen Bedeutung entsprechend sind ihre Reproduktionen nun Teil der Ausstellung in Harvard.

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